Der Start von Trinidad und Tobago in Richtung Grenada hatte es in sich.
Was als „gut segelbar“ angekündigt war, entpuppte sich schneller als gedacht als ruppig, wild und deutlich stürmischer, als wir es uns vorgestellt hatten. Die See war kurz und unruhig, das Boot arbeitete ordentlich und wir gleich mit.
Kaum draußen, dann das nächste Problem: Unser Dirk hatte sich ungünstig hinten verfangen. Um den Druck aus den Segeln zu nehmen, mussten wir in den Wind drehen. Gefühlt eine halbe Stunde stampften wir gegen die Welle an. Das Boot schlug, Wasser kam über, alles war laut und kraftintensiv. Es war einer dieser Momente, die man nicht romantisiert. Es war einfach anstrengend. Und es gab Flo den Rest.
Lange hielt er nicht durch. Die Seekrankheit kam mit voller Wucht und ließ ihm kaum eine Chance. Gerade diese erste gemeinsame Überfahrt hätten wir uns für ihn so anders gewünscht. Statt Begeisterung für Meer und Segeln gab es ein blasses Gesicht und den Kampf gegen den eigenen Körper.
Wegen der Distanz, entschieden wir uns für eine Nachtfahrt. Und tatsächlich: Mit der Dunkelheit legte sich das Wetter. Der Wind wurde ruhiger, die Wellen länger, das Segeln entspannter. Für uns eine enorme Erleichterung.
Für Flo leider nur bedingt. Selbst unser wundervoller Fischfang unterwegs konnte ihn auf See nicht mehr begeistern. Erst am nächsten Vormittag, bei unserer Ankunft auf Grenada, kam die Erlösung. Kaum festen Boden unter den Füßen, war die Farbe zurück im Gesicht und das Lächeln auch. Und der Fisch? Ruhig in der Bucht ankernd schmeckte er plötzlich hervorragend. 😄
Grenada fühlte sich für uns sofort nach Ankommen an. Gemeinsam mit Flo tauchten wir direkt in den grenadischen Alltag ein. Stilecht mit den kleinen, bunten Minibussen. Sie fahren ohne festen Fahrplan, dafür mit lauter Musik, offenen Fenstern und einem unglaublichen Gespür dafür, wer noch mit möchte. Man winkt, springt rein, rückt zusammen und ist mittendrin.
So ging es auch nach St. George, in unser absolutes Lieblingscafé: das Grenada Chocolate House. Ein Ort, der mehr ist als ein Café. Von der Bohne bis zur Tafel wird hier alles nachhaltig verarbeitet. Die verschiedenen Schoki-Getränke sind würzig (Muskatnuss), intensiv und himmlisch gut. Für uns jedes Mal ein Muss.
Nachdem unser Besuch abgereist war, segelten wir rüber in die große Bucht direkt vor die Hauptstadt. Karneval war angesagt. Wir lagen etwas weiter entfernt vom Zentrum des Geschehens und doch hatte man von der Lautstärke her das Gefühl, dass die Umzüge direkt neben unserem Boot vorbeizogen und das vier Tage lang. 😅 Ohne Ohropax ging hier gar nichts!
Der Karneval auf Grenada heißt Spicemas und gilt als eines der wildesten Feste der Karibik. Gefeiert wird jedes Jahr im August. Ein riesiges, mehrtägiges Straßenfest voller Musik, Farben, Tanz und Energie. Ursprünglich hat der Karneval, wie viele karibische Feste, seine Wurzeln in der Zeit nach der Abschaffung der Sklaverei: Menschen feierten Freiheit, Identität und Lebensfreude. Heute ist daraus ein spektakuläres Volksfest geworden, bei dem gefühlt die ganze Insel auf den Beinen ist.
Schon Tage vorher steigt die Stimmung. Überall hört man die typische Musik von Soca und Calypso. Die Musik kommt aus riesigen Lautsprechertürmen auf Lastwagen. Sie rollen durch die Straßen und pumpen Bässe in einer Lautstärke, die man nicht nur hört, sondern im ganzen Körper spürt. Selbst draußen in der Bucht vibrierte unser Boot leicht. Als wir später näher dran waren, mussten wir tatsächlich alle vier Ohrstöpsel tragen. Ohne wäre es kaum auszuhalten gewesen.
Der Höhepunkt sind die großen Umzüge durch St. George’s. Tausende Menschen tanzen hinter den Trucks her. Und Tanzen heißt hier nicht höflich ein bisschen wippen. Soca wird mit voller Hingabe getanzt: sehr hüftbetont, energiegeladen und wild. Die Bewegungen sind schnell, rhythmisch und unglaublich ausdrucksstark.
Viele Kostüme sind dabei bewusst sehr freizügig. Glitzernde Bikini-Outfits, Federn, Pailletten und viel Körperfarbe. Es geht um Ausdruck, Selbstbewusstsein und pure Lebensfreude. Niemand schaut schief. Es gehört einfach zur Kultur dieses Festes.
Und dann gibt es noch die Figuren: Jab Jab. Beim Grenada Carnival ziehen diese Gestalten mit Hörnern, Ketten und komplett schwarz eingeschmierten Körpern durch die Straßen. Der Name kommt vom französischen „diable“ – Teufel. Der eigentliche Jab-Jab-Tag beginnt schon mitten in der Nacht: gegen vier Uhr morgens, wenn beim sogenannten J’ouvert die ersten Trommeln durch die dunklen Straßen hallen.
So früh haben wir es allerdings leider nicht aus unserem Bett geschafft. Diesen Teil des Karnevals haben wir also leider verpasst. Aber die Spuren danach waren kaum zu übersehen.
Noch vor einigen Jahren haben sich viele Teilnehmer von Kopf bis Fuß mit Motoröl eingeschmiert. Heute wird immerhin vermehrt auf Pflanzenöl und Holzkohle umgestellt. Nach dem Umzug sind die Straßen, Gehwege und Plätze trotzdem tiefschwarz. Tage später sieht man noch die dunklen Flecken überall. Die Straßenmeisterei versucht zwar am Ende des Tages mit seeeehr viel Sand das Öl aufzunehmen und alles wieder halbwegs sauber zu bekommen aber perfekt klappt das natürlich nicht.
Unsere Mädels waren jedenfalls völlig begeistert von dieser Welt aus Trommeln, Teufelsfiguren und tanzenden Menschenmassen. Für sie war danach jede dieser treibenden Karibik-Rhythmen einfach nur noch „Jab Jab Musik“.
Und sobald wir sie heute hören, sind wir gedanklich sofort wieder dort: mitten im Karneval von Grenada. Zwischen Bass, Hitze und dieser unglaublichen Energie, die über der ganzen Insel liegt.
Für Dorothea und Ludowika begann auf Grenada ein eigenes Abenteuer. Sie hatten die Möglichkeit auf eine Woche Summercamp im Elvira’s Garden. Jeden Morgen um acht Uhr wurden sie mit dem Bus abgeholt, am Nachmittag gegen vier zurückgebracht. Für uns Eltern ein kleiner Vertrauenssprung. Für die beiden ein riesiges Freiheitsgefühl.
Sechs weitere Cruiser-Kinder waren dabei und schnell war klar: Das wird besonders. Es wurde geplanscht, gebastelt, gelacht, im Pool getobt und an den Strand gefahren. Sommerferien mitten im echten Inselleben, zusammen mit einheimischen Kindern.
Natürlich blieben „Souvenirs“ aus dem Camp nicht aus. Auch Läuse machten die Runde bei uns und bei einer anderen Cruiserfamilie. Willkommen im echten Alltag. 😂
Was uns tief berührt hat: der Stolz unserer Mädchen. Besonders Dorothea strahlte, als sie merkte, wie selbstverständlich sie Englisch sprach. Ganz allein, ganz sicher. Auch Ludowika fand Freunde und bewegte sich völlig natürlich in dieser internationalen Kindergruppe.
Unser Lebensmittelpunkt für rund drei Monate war Woburn Bay. Eine Bucht voller Cruiser-Familien, Kinder, Boote und Leben. Hier ist immer etwas los. Der von Cruisern organisierte Shopping-Bus war Gold wert. Mehrmals die Woche gemeinsam in die Stadt, ohne eigenes Auto, ein absoluter Segen. Dazu das tägliche Cruiser-Net über Funk: Infos, Hilfe, Einladungen, Veranstaltungen. Man fühlt sich sofort eingebunden in eine Gemeinschaft, die genau weiß, wie dieses Leben funktioniert.
Mittwochs: Wingsnight in der Le Phare Bleu Marina – entspannt, lecker, gesellig und vieeele Cruiser Kinder. Pool-Nutzung inklusive.
Samstags: Hash. Von den Einheimischen liebevoll „Biertrinker mit einem Laufproblem“ genannt. Eine Mischung aus Lauf, Rätsel, Gemeinschaft und Party. Unser erster Hash war lang, schweißtreibend und endete mit der legendären „Virgin-Zeremonie“ – Bierdusche, laute Jab Jab Musik, Gelächter. Herzlich, bunt, voller Leben und verbindend. Wir waren begeiiiistert und fast jeden Samstag dabei.
Und dann Hog Island. Fast täglich treffen sich dort Cruiser, Medizinstudenten der bekannten Med-Uni von Grenada und Einheimische, sonntags oft mit Livemusik. Großer Gemeinschaftsgrill am Strand, der von allen jederzeit benutzt werden darf, super entspannte Stimmung. Locker. Offen. Begeisternd. Lebensfreude pur.
Ende August kamen Oma und Opa. Für uns hieß es: Ersatzteile, Beeeeergkäse, Käsknöpflekäse, Knusperflocken, Geschenke → Weihnachten, Osten und Geburtstag in einem und das für jeden von uns. 😂
Natürlich ankerten wir extra bei Hog Island. Ruhige Bedingungen, kein Schwell, kein Stress. Man will ja nur das Beste für Eltern und Schwiegereltern. 😊
Hier feierten wir auch Dorotheas fünften Geburtstag: Spiele, Grillen, Freunde, Familie. Ein rundum glücklicher Tag.
Am Montag startete unsere gemeinsame Segelreise. Ganz bewusst mit kurzen Etappen.
Erst nach St. George’s, inklusive Chocolate House 😁 und ein paar Sehenswürdigkeiten.
Weiter zu den berühmten Unterwasserstatuen von Grenada. Bei dieser Fahrt war es für Oma etwas zu viel. Kaum Welle, etwas Regen (der uns für kurze Zeit die Sicht sehr erschwerte), aber doch genug für leichte Panik. Zum Glück nur eine kurze Strecke.
Schließlich verließen wir Grenada.
Erster Stopp: Ronde Island. Unbewohnt, wild, ruhig. Hier fanden wir unsere „Österreichische Palme” als Spende für eine Bar auf Union Island. 😜
Dann Carriacou. Größer, vielfältiger aber nicht unbedingt fußläufig. Also engagierten wir einen lokalen Guide, der uns einen halben Tag über die Insel fuhr. Geschichten über Familien, Traditionen, über prägende Namen wie Alexis und andere einflussreiche Familien. Ein Blick hinter die Kulissen, absolut empfehlenswert.
Weiter ging es nach Union Island, wo wir unsere „österreichische Palme“ überreichten und einpflanzten. Wir waren mit dem Dinghy zum Fischen unterwegs. Das gehört mittlerweile zu den absoluten Lieblingsbeschäftigungen unserer Mädels. Kaum sind die Angeln ausgeworfen, steigt die Spannung an Bord. Und erstaunlicherweise dauert es meist nicht lange. In neun von zehn Fällen hängt bereits innerhalb der ersten 15 bis 20 Minuten ein Fisch am Haken. Die Begeisterung ist jedes Mal aufs Neue riesig. Egal, ob es ein kleiner oder ein größerer Fang ist. Für die beiden gehört das Fischen inzwischen genauso zur Karibik wie das türkisfarbene Wasser und die Palmen an den Stränden.
Abends gingen wir direkt am Strand bei Einheimischen essen. Dort wurde auch selbstgemachter Schmuck verkauft. Natürlich wissen wir, dass die Menschen hier durch Hurrikan Beryl vieles verloren haben und noch immer mit den Folgen kämpfen. Wir möchten die Menschen vor Ort unterstützen und zahlen auch gerne etwas mehr, wenn das Geld direkt bei ihnen ankommt. Doch an diesem Abend hatten wir mehrfach das Gefühl, dass hier die Grenze zwischen fairer Unterstützung und überzogenen Preisvorstellungen überschritten wurde. Das brachte uns in einen inneren Konflikt: Einerseits großes Mitgefühl für das, was die Menschen durch Beryl verloren haben, andererseits das Gefühl, dass von Besuchern erwartet wird, jeden Preis kommentarlos zu akzeptieren. So blieb neben vielen schönen Eindrücken leider auch eine gewisse Enttäuschung zurück.
Danach segelten wir weiter zu den Tobago Cays, nach Canouan und schließlich nach Mayreau. Dort ließen wir es uns richtig gut gehen: mehrere Tage im türkisfarbenen Wasser, Schildkröten unter dem Boot und flache Riffe direkt vor dem Ankerplatz, die zu ausgedehnten Schnorchelausflügen einluden. Die Tage vergingen zwischen Baden, Schnorcheln und Staunen über die Farben des Meeres. Karibik, wie man sie sich in seinen schönsten Träumen vorstellt.
Anschließend ging es über Carriacou zurück nach Grenada. Ein besonderes Highlight wartete dort noch einmal auf uns: die Unterwasserstatuen. Bereits auf dem Hinweg hatten wir sie besucht, doch diesmal ankerten wir etwas weiter nördlich in einer ruhigen Bucht. Was uns dort unter Wasser erwartete, ließ uns sprachlos zurück. Kaum eingetaucht, eröffnete sich eine faszinierende Unterwasserwelt. Die Statuen standen still zwischen Korallen und bunten Fischen, fast als wären sie ein natürlicher Teil des Riffs geworden. Durch das bessere Wetter und den perfekten Lichteinfall wirkte alles noch beeindruckender als beim ersten Mal. Einfach wunderschön!
Danach steuerten wir die Prickly Bay an. Unser Dinghy hatte inzwischen endgültig aufgegeben. Jakob hatte es immer wieder geflickt, verschiedene Kleber getestet und zahlreiche Reparaturversuche unternommen. Doch kaum war eine Stelle dicht, zeigte sich die nächste Schwachstelle. Irgendwann mussten wir uns eingestehen: Es war Zeit für einen Nachfolger.
Also zog ein neues Dinghy bei uns ein. Kleiner, praktischer und genau passend für unsere Bedürfnisse. Wir waren sofort begeistert und fragten uns, warum wir diesen Schritt nicht schon früher gegangen waren.
In der Prickly Bay verbrachten wir auch die letzten gemeinsamen Tage mit Oma und Opa. Diesmal lagen wir an einer Boje, genossen noch einmal die Insel, Strand, Strandbar und die gemeinsame Zeit.
Dann kam der Moment des Abschieds. Oma und Opa machten sich auf den Heimweg. Und wir? Wir blieben. 😍
Eindrücke vom restlichen Alltag:











































































































































































































































































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