Die Überfahrt nach Trinidad fühlte sich schon beim Ablegen anders an als frühere Etappen. Der Wind stand stabil bei rund 18 Knoten, die 1,8-Meter-Welle kam entspannt von der Seite, und es war eine dieser seltenen Nächte, in denen das Meer nicht gegen uns arbeitete, sondern uns fast liebevoll mitschob. Erst kamen die Sterne, später der Mond, und plötzlich hatte die ganze See dieses silbrige, ruhige Leuchten, das jede Müdigkeit weicher macht.
Ich selbst hielt mich mit einer etwas skurrilen Methode wach: Sorbischer Rundfunk. Irgendwie war diese Mischung aus Sprachklang, Heimat und Musik mein nächtlicher Energieboost. Und während wir dahinglitten, schob die Strömung uns dann doch immer wieder zurück. Sodass wir am Ende statt 14 ganze 16 Stunden unterwegs waren. Aber das war ein Glück! Wir kamen dadurch erst am Dragon Mouth an, als das vorbeiziehende Gewitter bereits weitergezogen war, während andere Boote sogar umdrehen mussten, um nicht mitten hineinzugeraten. Für uns fühlte es sich an, als hätte das Meer uns ein bisschen festgehalten, damit wir im richtigen Moment ankommen.
Als wir in Trinidad anlegten, öffnete sich ein ganz anderes Kapitel: fünf Wochen Trockendock.
Unser Zuhause stand plötzlich auf hohen Stahlständern, und jeden Tag kletterten wir die steile Leiter rauf und runter. Morgens verschwitzt, abends müde und staubig. Alles fühlte sich an wie eine Mischung aus Baustelle und Campingplatz.
Man lebt auf einem Boot, das eigentlich gar kein Boot mehr ist. Es steht auf Stelzen, wirkt plötzlich riesig und unbeweglich, fast wie ein Haus.
Unter einem speichert der Rumpf die Hitze des Tages, über einem flimmert der Himmel, und ringsum knallt, schleift, hämmert und lacht es. Irgendwer arbeitet immer. Und irgendwer hilft immer.
Wir waren mittendrin. Kein Ausweichen, keine Ausrede. Das Unterwasserschiff musste komplett neu aufgebaut werden, die Rümpfe poliert, Propeller und Saildrive geschliffen, das Dinghy geflickt, Leinen getauscht, das Bimini neu genäht werden und wir reparierten gefühlt jedes kleine Detail, das sich in den letzten Monaten angesammelt hatte. Tage bei 35 bis 38 Grad, kaum Schatten, Schweiß, der in die Augen läuft, Arme, die brennen, Rücken, die anfangen zu verhandeln. Abends waren wir eine Mischung aus Sonnencreme, Schweiß und Staub. Aber das Gefühl, das Boot mit den eigenen Händen wieder fit zu machen, war stärker als jede Erschöpfung.
Und trotzdem ,oder vielleicht gerade deshalb, war da dieses tiefe, stolze Gefühl: Wir machen das selbst. Wir schaffen das. Dieses Boot ist unser Zuhause, und wir bringen es mit unseren eigenen Händen wieder zum Glänzen. Jeder Handgriff, jede schmutzige Stunde hat Bedeutung.
Neben all der Arbeit gab es aber auch ein Leben jenseits von Schleifstaub und Werkzeugkisten. Homeschooling am Morgen, wöchentliche Marktbesuche, freitags gemeinsames Grillen und Jammen mit der ganzen Yard-Community, Boccia-Spiele zwischen den Booten. Ein Alltag, der sich völlig anders anfühlt als alles, was wir zuvor kannten und gerade deshalb so besonders ist.
Gleichzeitig gab es aber auch eine Seite dieses Lebens, die ich nie missen möchte: die Gemeinschaft. Menschen aus aller Welt, alle mit ihren eigenen Projekten, Geschichten und Träumen. Man leiht Werkzeuge, teilt Tipps, bekommt frisches Kokosnusswasser gereicht von „Captain Ragga“, feuert sich gegenseitig an. Es entsteht eine Nähe, wie man sie nur dort findet, wo alle wissen, wie hart es gerade ist und wie gut es sich anfühlt, gemeinsam durchzuhalten.
Simon, der Besitzer der Bojen vor Ort, erzählte uns eines Abends, dass manche zurückgelassene Boote von Einheimischen bewohnt werden. Wenn ein Boot lange nicht genutzt wird oder verlassen wirkt, ziehen Menschen hinein. Erst wunderte mich das, doch sobald man die Lebensbedingungen mancher Menschen in der Umgebung sieht, versteht man, wie sehr so ein Boot ein sicheres Zuhause sein kann.
Auch für unsere Kinder war dieser Ort ein kleines Universum.
Zwischen den Booten entstand eine richtige Kinderbande. Manchmal tummelten sich sechs oder sieben Kids bei uns. Mal unter dem Boot im Schatten, mal auf dem Deck, mal irgendwo dazwischen. Sie bauten Hütten, erfanden Spiele, teilten Snacks, stromerten durch die Marina und hatten offensichtlich die Zeit ihres Lebens.
Besonders schön war, dass Ludowika zwei Wochen lang ein Sommer-Segelcamp besuchen durfte. Direkt in der Nähe. Dort verbrachte sie ihre Tage auf kleinen Jollen, lernte neue Freunde kennen, entdeckte ihr Englisch völlig neu und kam jeden Nachmittag rotgebacken, erschöpft und strahlend zurück. Und die Sprache? Die kann sie jetzt so gut, dass wir Eltern uns von unserer „Geheimsprach-Strategie“ verabschieden mussten. Ein bittersüßes Ende einer Ära. 🙂
Dorothea durfte in der Zwischenzeit den Pool im Camp nutzen oder verbrachte die Zeit mit uns oder anderen Kindern im Yard.
Einmal pro Woche freuten wir uns besonders auf den Markt. Kein touristischer Markt, sondern einer, auf dem fast nur Einheimische einkaufen: frischer Fisch, frisch geschlachtetes Fleisch, Gemüse, Früchte, Gewürze, laute Stimmen, echte Preise. Dank des wöchentlichen Cruiser-Shuttles konnten wir dort einkaufen, ohne auf Taxi-Abenteuer angewiesen zu sein. Wir kamen jedes Mal mit Armen voller Mangos, Sternfrüchte, Gemüse, gleich mehrere Flaschen mit frisch gefülltem Kokosnusswasser und Fisch zurück und mit diesem Gefühl, ein Stück echtes Trinidad kennenzulernen.
Eine tolle Abwechslung von Schule und Bootsarbeiten war für uns alle auch der lässige und lustige Wasserpark Besuch. Ein wohlverdienter freier Tag für uns vier.
Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war die nächtliche Leatherback-Schildkröten-Tour.
Mit Rotlichtlampen, alles andere stört die Tiere beim Legen, stapften wir über den warmen Strand, und dann tauchten sie einer nach der anderen aus der Brandung auf. Dreizehn gigantische Leatherback-Schildkröten innerhalb von 3-4 Stunden, jede bis zu 500 Kilo schwer, bis zu zwei Meter lang. Diese Tiere sind uralt, wirkliche Zeitreisende. Eine Schildkröte legt pro Nistgang rund 80 bis 120 Eier. Und am Ende schaffen es vielleicht 1 von 1.000 Babys, wirklich groß zu werden. Wenn man daneben steht und dieses tiefe Schaufeln hört, ihr ruhiges Atmen, dieses fast heilige Ritual, dann wird einem klar, wie fragil und gleichzeitig wie mächtig Natur ist. Es war einer dieser Momente, in denen alle Kinder plötzlich ganz still werden. Auch wir großen. 🙂
Kurz bevor wir wieder ins Wasser sollten, bekamen wir Besuch aus der Heimat: Flo!
Wir freuten uns wie wild. Aber Trinidad wäre nicht Trinidad gewesen, wenn nicht noch eine kleine Prüfung auf uns gewartet hätte. Wir mussten nämlich noch ein paar wichtige Arbeiten fertigstellen, und Flo rutschte direkt in unseren Yard-Alltag hinein. „Urlaub muss man sich hier verdienen“, sagten wir grinsend und er nahm’s sportlich, schleppte, half, hielt, schraubte, polierte und war am Ende genauso staubig wie wir.
Zu allem Überfluss war sein Koffer auf der langen Flugstrecke verschwunden und natürlich war genau dort unser heiß geliebter Bergkäse drin. Vier Tage lang warteten wir. Flo auf seine Kleidung. Wir auf unseren Käse. Als der Koffer endlich auftauchte, feierten wir ihn, als wäre er ein lange verschollenes Crewmitglied.
Dann kam der große Moment: Unser Boot wurde zurück ins Wasser gelassen.
Es gibt kaum ein Gefühl, das so nah an pure Erleichterung kommt. Plötzlich ist das Boot wieder leicht, wieder lebendig. Keine Leitern mehr, kein Staub, keine glühenden Rümpfe unter unseren Händen. Einfach nur Wasser, Freiheit und der erste tiefe Atemzug seit Wochen. Wir standen an Deck und sahen zu, wie das Wasser unser Zuhause wieder trug und es war ein absolut wundervolles Gefühl endlich wieder auf dem Wasser zu sein.
Unser erster Zwischenstopp war Chakachakare, eine kleine Insel mit großer Geschichte. Sie war früher eine Lepra-Insel, ein Ort der Isolation, an dem Menschen abseits der Gesellschaft lebten. Heute stehen dort noch Ruinen, von Grün überwachsen, von Stille umhüllt. Die Bucht wirkt friedlich, fast mystisch. Wenn man dort ankert, fühlt es sich an, als würde man in ein altes Kapitel eintauchen, das niemand mehr laut ausspricht. Und gleichzeitig ist das Wasser klar und die Umgebung wunderschön. Ein seltsam harmonischer Gegensatz.
Und dann war es so weit: Wir konnten Trinidad verlassen.
Unser Boot glänzte, lief wie neu, und zusammen mit Flo segelten wir Richtung Grenada. Weg vom Schleifstaub, hinein in das freie Leben, das sich wieder weit und leicht anfühlte.
Trinidad war heiß, anstrengend, laut, intensiv. Aber es war auch voller Geschichten, voller Herzlichkeit und einer gigantischen Gemeinschaft. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden wir viele Segler und neuen Freunde in der kommenden Saison in der Karibik wieder treffen.
Wir sind müde, aber stolz. Erschöpft, aber dankbar.
Und jetzt? Segel hoch. Weiter geht’s. 🙂













































































































































































































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